Reisen in Zeiten von Corona — Rothenburg ob der Tauber

Reisen, die wir immer schon nie machen wollten (1)


Die Abschottung der Nationalstaaten im Zuge der aktuellen Corona-Krise bringt es mit sich, dass die allermeisten Mitteleuropäer zum ersten Male in ihrem Leben damit konfrontiert sind, nicht an ein beliebiges Wunschziel reisen zu können (von abgeschiedenen Orten wie Nordkorea oder Afghanistan einmal abgesehen). Nur für diejenigen Europäer, die schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs gelebt haben, ist dies keine neue Erfahrung.


Angesichts eines Stapels von Reisestornierungen überlegten meine Frau und ich lange, wie wir mit dieser ungewohnten Situation umgehen sollen. Nach einiger Überlegung fiel schließlich der Beschluss, gänzlich „unexotische“ Reisen im näheren Umfeld (also ohne Übernachtungsnotwendigkeit) zu unternehmen. Mit der Sondierung möglicher Reiseziele wuchs unsere Begeisterung für dieses Projekt, das wir schließlich unter das Motto „Reisen, die wir immer schon nie machen wollten“ stellten. Die bei diesen Ausflügen gewonnenen Erlebnisse sollen nun in einer Reihe kurzer Reiseberichte festhalten werden; den Anfang macht ein Ausflug nach Rothenburg ob der Tauber. Diesen wunderschön oberhalb der Tauber gelegenen Ort wollten wir deshalb nie (wieder) besuchen, weil uns die Perspektive unerträglich erschien, uns im Strom der Touristen durch die Stadt zu schlängeln, die in normalen Zeiten diesen Ort förmlich überschwemmen. Besonders bei Asiaten erfreut sich ja die Romantische Straße (der Name verdankt sich einem Tourismuskonzept der 50er Jahre), auf der Rothenburg der wichtigste Ort ist, ausgesprochen großer Beliebtheit.


Bereits die Anreise erweckte eine wunderbare, entspannte Stimmung. Die A7, auf der man sich von Würzburg aus nähert, war nahezu leer. Wir fühlten uns so sehr in die 60er Jahre zurückversetzt, dass es uns fast nicht gewundert hätte, wenn uns ein Borgward oder ein Opel Admiral entgegengekommen wäre. In dieser gelösten Stimmung betraten wir die Stadt durch das Rödertor, wie es wohl üblich ist — unbehelligt von anderen Reisenden. Ohne Frage: der Eindruck, der sich unmittelbar einstellt, ist schlichtweg überwältigend. In seiner Homogenität sucht dieser Ort mit seinen Türmen, Bögen, Brunnen und verträumten Gässchen seines gleichen, auch wenn beileibe nicht alle Bauten aus dem Mittelalter, der Renaissance oder dem Barock erhalten sind. Denn tragischerweise wurde Rothenburg noch am 31. März 1945 als Ersatzziel Opfer eines schweren Luftangriffs der Amerikanischen Luftflotte, infolge dessen ca. 40% der Gebäude entweder zerstört oder schwer beschädigt wurden. Nach dem Krieg wurden viele der Gebäude rekonstruiert oder in vereinfachter Form wiederaufgebaut. Einige, für die es historisch überhaupt keine Vorbilder gegeben hatte, wurden sogar hinzuerfunden. Solche Häuser sind oftmals erst auf den zweiten Blick zu erkennen, zumal im Gegensatz zu anderen Städten, die ein ähnliches Konzept verfolgten, keine Kennzeichnung der Gebäude durch Plaketten erfolgte. Auch das Rathaus erlitt im Krieg schwerste Beschädigungen, die aber heute von außen nicht mehr erkennbar sind. Auf den ersten Blick wirkt diese Stadt somit wie aus einem Guss.


Die bemerkenswerteste Erfahrung, die wir bei diesem Ausflug gewannen, war die, dass Rothenburg durch die Coronaleere wieder enorm an Würde gewinnt. Trotz der vielen Ramschläden mit ihren Totenschädeln und anderem billigen Plunder, die einen an den wohl schon bald wieder Einkehr haltenden Normalzustand gemahnen, ist es möglich, ganz in Ruhe durch die Stadt zu gehen und so etwas wie Alltag zu empfinden. Nur eine zaghafte Protestaktion am Rathaus gegen die zur Bekämpfung der Coronapandemie getroffenen Einschränkungen der Bürgerrechte störte ein wenig die Ruhe. Aber selbst dieser Vorgang hatte etwas alltäglich-gemütliches. Der Hauptredner trat ganz zaghaft auf mit einer gänzlich improvisierten Ansprache. Er schien nicht recht zu wissen, was er eigentlich fordern sollte. Trotzdem wurde er von den meist jugendlichen Zuhörern bejubelt. Man schien sich zu freuen, nach langer Zeit wieder einmal so etwas wie eine Party veranstalten zu können. Auch die umherstehenden Polizisten wussten nicht so recht, was sie eigentlich sollten. So forderte man schließlich (in erster Linie wohl um überhaupt etwas anzuordnen) diejenigen auf, die nicht zu dieser Demonstration gehörten, den riesigen Platz zu verlassen. Als dies niemand so recht befolgte, ließ man es dann aber gut sein. Liberalitas bavariae!


Unter diesem Ausnahmenzustand kann man in Seelenruhe über die ehemalige Bedeutung dieser Stadt — Rothenburg wurde 1274 Reichsstadt —, über die Ängste, die die Bürger dieser Stadt empfunden haben müssen, über die Baukunst und den Fleiß der Rothenburger sinnieren. Die mittelalterliche Stadt wird umsäumt von zwei Stadtmauern (einer inneren und einer äußeren), die mit einem beträchtlichen Abstand voneinander verlaufen. Der Bereich zwischen ihnen (der sogenannte Zwinger) wurde natürlich längst bebaut. Angesichts der Massivität der Verteidigungsanlagen kann man nur staunen. So hat man in südlicher Richtung, die sich aufgrund des dort vorliegenden ebenen Terrains für potentielle Angreifer besonders eignete, eine Bastei (Spitalbastei) mit einer Folge von gleich sieben(!) Toren errichtet.


Zum Reiz dieser Stadt trägt auch die Topographie des Ortes bei. Durch das Gefälle hin zur Tauber ergeben sich so reizvolle, räumliche Weggabelungen und Vistas, von denen das „Plönlein“ wohl das berühmteste ist (siehe Bild). Über den Marktplatz kommt man zu St. Jakob, der bedeutendsten, gotischen Kirche der Stadt, die verschiedene Besonderheiten aufweist. Zum einen sind die beiden Türme dieser auffallend schmalen Kirche unterschiedlich hoch, und zum anderen enthält sie zwei Chöre, einen westlichen und einen östlichen. Der im Westen enthält das berühmte Heiligblutaltarretabel von Tilmann Riemannschneider, womit eine weitere Besonderheit gegeben ist. Denn es ist wohl der einzige Reliquien-Altar in einer evangelischen Kirche!


Und somit kommen wir auf das faszinierende Kunstwerk zu sprechen, um dessen willen sich der Besuch in Rothenburg schon alleine lohnen würde. Abgebildet wird die Abendmahlszene, bei der aber nicht Jesus, sondern Judas im Mittelpunkt steht. Es wird folglich genau die Szene dargestellt, in der Jesus ankündigt, dass einer seiner Jünger ihn verraten würde. Wie Riemenschneider die Gesichter der Figuren formt und vor allem vermittels der unvergleichlich gestalteten Hände einen Zusammenhang zwischen ihnen herstellt, ist einzigartig. Geht man zu weit, wenn man diesen Künstler, der wohl nur als Bildhauer und – schnitzer gearbeitet hat und jenseits der Grenzen Deutschlands nur wenig bekannt ist, in eine Reihe mit den großen Künstlern der italienischen Renaissance stellt?


Verstörend war in Rothenburg allerdings — es kann hier nicht unerwähnt bleiben— der Gang auf eine öffentliche Toilette, bei dem den Reisenden schmerzlich bewusst wurde, wie rückständig das Land Bayern trotz aller Fortschritte doch noch ist. Nicht nur war sie wider Erwarten geöffnet, so funktionierten auch ausnahmslos ALLE Toiletten und Pissoirs einwandfrei! Zudem herrschte makellose Sauberkeit, und Papierhandtücher und sogar Desinfektionsmittel standen ausreichend zur Verfügung. Befremdlicher Weise waren auch keine der benutzten Handtücher auf dem Boden verstreut, wie man es in kulturell kunterbunten und lebensfrohen Gemeinden wie Frankfurt oder Bonn gewohnt ist. Aber als Reisender in der Provinz muss man eben zu Abstrichen bereit sein, so schwer es auch manchmal ist. When in Rome, do as the Romans do! Dafür ist der Döner, den man in der Hafengasse (Nähe Marktplatz) erhält, wirklich erstklassig. Mit den Schneeballen, eine lokale Spezialität aus Mürbeteig, konnten wir uns allerdings nicht so recht anfreunden. Diese überdimensionierten Kekskugeln sind für den mit Hefeteiggebäck sozialisierten rheinischen Gaumen eine doch allzu trockene Kost.


Auf eine detaillierte Beschreibung der vielen weiteren herausragenden Sehenswürdigkeiten der Stadt soll hier verzichtet werden. Den Lesern wird sehr empfohlen, einen Ausflug in diese fast schon unwirkliche Stadt zu unternehmen und sich selbst ein Bild zu vermitteln. Man sollte sich sputen, um diesen Ort einmal so würdevoll zu erleben zu können, wie es derzeit noch coronabedingt möglich ist.