Ein neuer Ring des Nibelungen an der Staatsoper Berlin

Das hat es meines Wissens nach noch nie gegeben: ein Premierenzyklus des Ring des Nibelungen an einem Opernhaus innerhalb einer Woche! Bisher war ein solcher Kraftakt eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal der Wagner-Festspiele in Bayreuth. Hier in Berlin wurde dieses Mammutprojekt über Jahre hinaus vorbereitet. Es sollte wohl auch das Geburtstagsgeschenk für die prägende Musikerpersönlichkeit Berlins der letzten Jahrzehnte, Daniel Barenboim, werden, denn er feiert in diesem Jahr seinen achzigsten Geburtstag. Leider ist er erkrankt, so dass er das Dirigat kurzfristig an Christian Thielemann abgeben musste. Gestern erfolgte der Auftakt mit dem Rheingold zu diesem „mit Spannung erwarteten“ Großereignis.


Verantwortlich für die Inszenierung ist Dmitri Tcherniakov. Er hat sich mittlerweile zu einer Art Hausregisseur an der Staatsoper entwickelt. Barenboim schätzt ihn, zusammen hatten Sie zuvor schon einen Tristan und den Parsifal auf die Bühne gebracht. Auch in Bayreuth ist er kein unbeschriebenes Blatt mehr, seit er 2021 die völlig verunglückte Produktion des Fliegenden Holländers leitete. Tcherniakov pflanzte dem Holländer eine Familientragödie (Vater-Senta) auf, die im grotesken Widerspruch zur (eigentlichen) szenischen und „musikalischen“ Handlung stand, so dass die Zuschauer stets „doppeldenken“ mussten. Der Autor dieser Zeilen zieht übrigens mittlerweile eine konzertante Aufführung einer exzessiven Form des sogenannten Regietheaters (also: ein neues Handlungskonzept in einen bestehenden Rahmen einfügen) vor. Sicher gibt es hier und da auch gelungene Beispiele für diesen Ansatz, etwa die Parsifal-Inszenierung von Stefan Herheim oder die der Meistersinger von Barry Kosky (beide Bayreuth), aber sie sind doch eher die Ausnahme. Gerade der Ring zeichnet sich in letzter Zeit nicht gerade durch gelungene Inszenierungen aus: München, Deutsche Oper Berlin, Bayreuth - allesamt Fehlschläge! Und so lautet das entscheidende Bewertungskriterium für den Rezensenten mittlerweile: Lässt die Inszenierung wenigesten zu, dass man sie wie eine konzertante Aufführung wahrnimmt? Und das war über weite Strecken der Fall. Witzigerweise hat sich Tscherniakov die Mühe gemacht, im Programmheft die Handlung der Ringteile selbst zu skizzieren. Dies erschien ihm vielleicht deshalb erforderlich, weil sich kaum etwas davon in seiner Sichtweise wiederfindet. Alberich wird weder zum Riesendrachen noch zur Kröte. Weder sollte man eine Burg Walhall, den Rhein, Gold mit dem Freia verdeckt wird oder gar einen Regenbogen erwarten. Stattdessen irgendetwas mit Menschen- und Tierexperimenten. Zu Beginn experimentieren die Rheintöchter mit Aberich in einer Art Stressversuchsanstalt. Alberich trägt einen Helm (Tarnhelm!) über den ihm wohl Sinneseindrücke vermittelt werden. Das wird später wieder aufgegriffen, sodass die Verwandlungsszenen (Kröte, Drachen) dann wohl nur im Kopf Alberichs stattfindet; und merkwürdigerweise in den Köpfen seiner Angestellten (der Nibelungen). Keine Ahnung, wie das zustande kommt. Kein wirkliches Interesse, dies zu erfahren. Angesiedelt ist dies in einer Unternehmensgebäude (E.S.C.H.E). Der Konflikt zwischen Göttern und Riesen wird als Kampf zweier Verbrecherbanden geschildert. Zwischendurch passiert aber nicht allzu viel, so dass man Tscherniakovs Rahmenhandlung gut verdrängen kann (Pluspunkt!) Die Konflikparteien sitzen in irgendwelchen Sitzungzimmern herum und debattieren. Zum Glück keine Videos! (weiterer Pluspunkt!) Zuschauer, die mit dem Stück vertraut sind, können also leicht vom Tscherniakov-Kanal auf den Wagner-Kanal wechseln und sich dabei auf die musikalische Darbietung konzentrieren.


Und diese war eine Reise nach Berlin allemal wert! Wie zu erwarten, lieferte die Staatskapelle, die unter Barenboim zum führenden Wagnerorchester überhaupt geformt wurde, eine sensationelle Leistung ab: homogen in allen Instrumentengruppen, der Klang auch im Forte niemals scharf, wie es bei weniger guten Orchestern oftmals der Fall ist, die Dynamik unglaublich abgestuft (wie immer bei Thielemann), stets eine Durchhörbarkeit der Klangstruktur, wie man es selten erlebt, im piano nie zerfasernd. Wirklich großartig wie Christian Thielemann die musikalische Regie führte. Niemand versteht es die Spannungsbögen so auszuformen und die musikalische Struktur zu aufzufächern wie er. Mittlerweile gelingt ihm dies scheinbar völlig souverän, ohne irgendwo forcieren zu müssen! Staatskapelle und Thielemann: das passt!


Bis auf wenige Ausnahmen war die Sängerbesetzung vorzüglich, allen voran der führende Wagnersänger unserer Zeit Michael Volle als Wotan. Wunderbar wie klar die Diktion ist (vielleicht gelegentlich etwas zu sehr im Hans-Sachs-Stil)! Man kann gespannt sein, wie er die etwas fordernderen Partien in der Walküre und im Siegfried bewältigen wird!


Großartig auch Peter Rose als wunderbar lyrischer Fasolt, Claudia Mahnke als Fricka und Anett Fritsch als Freia. Johannes-Martin-Kränzle steuerte einen sehr reflektierten, wunderbar deutlich deklamierenden Alberich bei, wenn man auch seine Fluch-Arie schon ergreifender vernommen hat. Wunderbar lyrisch auch Syabonga Maqungo als Froh.

Die Besetzung des Loge mit Rolando Villazón ist jedoch leider als Fehlbesetzung zu verbuchen. Dafür fehlt es ihm völlig an Klarheit in der Artikulation. Da seine Stimme in den letzten Jahren wohl sehr gelitten hat, wird dieser Mangel auch nicht durch andere Qualitäten kompensiert.


Insgesamt eine großer Abend, so dass man auf die weiteren Teile gespannt sein kann! Fortsetzung folgt! Morgen mit der Walküre.