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Anna Netrebko bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden

Triumph und Protest


In der vergangenen Woche blickten die Berliner Klimakleber vermutlich mit Neid auf die Rhein-Main-Region, bildete sie doch für eine kurze Zeit das Epizentrum der moralischen Entrüstung in unserer Republik, zuerst bei der Migrationskonferenz mit dem „Palmer-Eklat“, dann beim äußerst umstrittenen Auftritt Anna Netrebkos bei den Maifestspielen in Wiesbaden!


Viel ist über Anna Netrebko, der wohl größte Sänger unserer Zeit—sicherlich neben Placido Domingo der bekannteste —, geschrieben und gestritten worden! Mehrere Konzerthäuser haben seit dem Beginn des Krimkrieges ihre Engagements gekündigt (etwa in München und New York), öffentliche Proteste wurden gegen sie veranstaltet. Nun also auch in Wiesbaden bei der Premiere des Nabucco am 5. Mai (Wiederholungsvorstellung am 7.Mai, bei der es zu keinerlei Protesten kam). Dort protestierte eine Gruppe von mehreren Dutzend Menschen gegen Ihren Auftritt, die wohl vornehmlich aus geflüchteten Ukrainern bestand. Vor Beginn der Aufführung waren die Proteste vor der Arkade noch sehr verhalten, ein Mädchenchor sang ukrainische Volkslieder und populäre Stimmungslieder à la Halleluja von Leonard Cohen. Sympathisch, dachte man. Allerdings war auf Plakaten die Behauptung zu lesen, an ihren Händen klebe Blut. In der Pause wurde der Protest bereits deutlich lauter und aggressiver. Schließlich mussten die Besucher beim Verlassen des Hauses nach der Vorstellung einen Spießrutenlauf über sich ergehen lassen. „Schande, Schande“ wurde skandiert und einzelne Besucher wurden auf die übelste Weise beleidigt. Ob die Demonstranten damit die Sympathie für Ihr Anliegen steigern konnten, ist fraglich!



Bereits im Vorfeld war auf den Intendanten der Festspiele, Uwe Eric Laufenberg, seitens der hessischen Landesregierung und der Stadt Wiesbaden heftiger Druck ausgeübt worden, Frau Netrebko wieder auszuladen. Laufenberg hat—man muss ihn dafür bewundern—dem Druck standgehalten. Von Seiten ihrer Kritiker und vieler hessischer Politiker (Stadt Wiesbaden und Land Hessen) wurde ihr eine zu große Putinnähe zum Vorwurf gemacht, die sich unter anderem darin äußere, dass zu ihrem 50 Geburtstag ein Festkonzert im Kreml abgehalten wurde, und dass sie sich im Jahre 2014 mit dem ukrainischen Separatistenführer des nicht anerkannten Föderativen Staates Neurussland, Oleh Zarjow, hat ablichten lassen, als sie ihm einen Scheck über 15.000€ zum Erhalt des Spielbetriebs des Opernhauses in Donezk überreichte. Bitte beachten: All dies ist vor dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine geschehen, und niemand hat damals im Traum daran gedacht, sie von irgendetwas auszuladen; insbesondere nicht in Deutschland, wo man die Errichtung der Nordstream-II-Pipeline, die bekanntlich den einzigen Zweck hatte, die Ukraine als Gas-Transferland auszuschalten, entgegen der deutlichen Warnung aller europäischer Nachbarn und den USA bis zum bitteren Ende für eine gute Idee hielt, wo man sich (auch dies gegen alle Mahnungen) in Abhängigkeit von Rohstofflieferungen aus Russland begab, wo man sich in den Anstrengungen darin übertraf, Putin und seine Chargen zu hofieren, wo man die Bundeswehr bis zu einem Grad schwächte, bei dem die NATO insgesamt seitens der Russen als Macht der Abschreckung nicht mehr hinreichend ernst genommen wurde! Andere Namen sind im Zusammenhang mit diesen Fehlentwicklungen wohl zuerst zu nennen, insbesondere die von Frau Merkel, Herrn Steinmeier und Herrn Schröder (zur Erinnerung: zwei ehemalige Bundeskanzler und der amtierende Bundespräsident!). Schließlich auch die Namen von Unternehmern, die sich zwar gewöhnlich in Zeitgeistthemen der Political Correctness suhlen, billige Energieimporte aus Russland aber bereitwillig entgegengenommen, wenn nicht sogar gefordert haben! Schließlich auch die Namen einer Mehrheit der Bundesbürger, die all dies bereitwillig durch ihr Stimm- und Konsumverhalten mitgetragen hat! Wenn man alle diese Namen aufgeführt hat, dann dürfte man vielleicht auch den von Frau Netrebko aufrufen!


Nun richtet sich der ganze Zorn aber gegen Frau Netrebko. Ihr wird also vorgeworfen—es soll hier wiederholt werden—, sie hätte sich nicht gebührend von Herrn Putin distanziert! Wohlgemerkt, wir Obermoralapostel vom Dienst stellen mal wieder die höchsten moralischen Maßstäbe an die Staatsbürgerin eines Landes, in dem beinahe jegliche von der offiziellen Linie abweichende Meinungsäußerung sanktioniert wird, in dem alle bedeutenden Stimmen der Opposition, wie Ilja Jaschin, Alexej Nawalny oder Wladimir Wladimirowitsch Kara-Mursa mittlerweile ihr Dasein entweder im Gefängnis oder im Straflager fristen (von denen, die ins Ausland fliehen mussten einmal ganz abgesehen), ja, in dem selbst die Verwendung des Begriffs „Krieg“ in Bezug auf die Invasion der Ukraine bereits mit 15 Jahren Haft geahndet werden kann! Es ist die folgende Erklärung von Anna Netrebko, die von ihren Kritikern als unzureichend angesehen wird:


"Ich verurteile den Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich und meine Gedanken sind bei den Opfern dieses Krieges und ihren Familien. Meine Position ist klar. Ich bin weder Mitglied einer politischen Partei noch bin ich mit irgendeinem Führer Russlands verbunden. Ich erkenne und bedauere, dass meine Handlungen oder Aussagen in der Vergangenheit zum Teil falsch interpretiert werden konnten. Tatsächlich habe ich Präsident Putin in meinem ganzen Leben nur eine Handvoll Mal getroffen, vor allem im Rahmen von Verleihungen von Auszeichnungen für meine Kunst oder bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Ich habe ansonsten nie finanzielle Unterstützung von der russischen Regierung erhalten und lebe in Österreich, wo ich auch steuerlich ansässig bin. Ich liebe mein Heimatland Russland und strebe durch meine Kunst ausschließlich Frieden und Einigkeit an.“

Was lässt diese Erklärung zu wünschen übrig? Distanziert sie sich nicht sehr deutlich von Putin, verurteilt sie nicht ganz klar den Krieg, den sie sogar als solchen benannt (womit sie sich in Russland strafbar gemacht hat). Gesteht sie nicht sogar eigene Fehler ein, obwohl diese eigentlich nichts mit dem fürchterlichen Konflikt in der Ukraine zu tun haben? Es ist eine wohldurchdachte Erklärung, die an die Grenzen des für sie Möglichen geht und mit der sie auch auf ihren Gewissenskonflikt hinweist, der sich daraus ergibt, dass sie in erster Linie Russin ist. Mit welcher Begründung hätte sie, einer der bedeutendsten russischen Künstler ihrer Zeit, die Teilnahme an Staatsempfängen ablehnen sollen, wo sich doch westliche Politiker die Klinke zu den Empfangszimmern von Herrn Putin und Lawrow gerne in die Hand gegeben haben, sie, die, wie sie offenherzig schreibt, ihr Land liebt? Denn es geht ja bei solchen Fragen immer auch um das Vaterland, nicht nur um die Unterstützung einer Herrschaftsform. Die Kritiker täten gut daran, von ihrem unangemessen hohen Ross herabzusteigen und daran zu denken, dass auch sie nach der (hoffentlich bald erfolgenden) Befriedigung des Russland-Ukraine-Konflikts wieder mit den Russen sprechen und zurechtkommen müssen. Anna Netrebko zum Sündenbock unseres eigenen Versagens zu stempeln und sie als Fokuspunkt für die Verzweiflung über die entsetzlichen Gräueltaten, die Tag für Tag in der Ukraine begangen werden, und den Hass auf alles Russische zu missbrauchen, wie dies die Demonstranten taten, ist der falsche Weg.


Glanzvolle Vorstellungen


Nun aber noch zu den Aufführungen. Um es vorweg zu nehmen: Es waren Sternstunden, wie ich sie noch nie an Opernhäusern in der Rhein-Main-Region erlebt habe. Die Besetzung dieser äußerst anspruchsvollen Oper war erstklassig. Auch die Rollen des babylonischen Königs und des Hohepriesters Zaccaria waren mit Željko Lučić (der seine Rolle ohne weiteres auch in Wien oder New York singen kann) bzw. mit Young Doo Park (man fragt sich wirklich, warum dieser Sänger nicht eine bedeutendere international Karriere macht!), hervorragend besetzt. Selbst die Nebenrollen (weniger glanzvolle aber sängerisch ebenfalls sehr anspruchsvolle Rollen) waren überwiegend hervorragend besetzt.

Im Mittelpunkt stand jedoch Anna Netrebko, die hier zum ersten Mal überhaupt die Abigaille sang (geplante Auftritte in Wien und London hatte sie in den letzten Jahren absagen müssen), neben der Lady Macbeth die anspruchsvollste Rolle für eine Sängerin bei Verdi. Eine ideale Interpretin dieser Rolle muss alles können. Im Grunde muss sie gleichzeitig Sopran und Mezzosopran sein, da sie über einen außergewöhnlichen Tonumfang verfügen muss (bereits im Terzett im ersten Akt reicht dieser vom tiefen H bis zum hohen C!), dann muss sie auch noch sowohl ein dramatischer als auch ein lyrischer Sopran (Belcanto) sein. Zu guter Letzt darf sie auch keine Probleme mit Koloraturen haben! Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aber Anna Netrebko meisterte diese Aufgaben in unglaublicher (nahezu) perfekter Weise. Die dramatischen Arien und Rezitative (gleich die erste Arie und das Terzett) waren von einer unglaublichen Wucht und Durchschlagskraft! Dabei gab es aber selbst in exponierter Tonlage weder Schärfen noch Ungenauigkeiten (die, die es gab, sind nicht der Rede wert). Alles war kontrolliert! Nichts blieb sie auch in den lyrischen Passagen schuldig, beispielsweise in der Szene, mit der der zweite Aufzug beginnt. Die Arie „Anch’io dischiuso un giorno…“ wurde zurecht mit donnerndem Applaus belohnt. Dabei hatte sie gerade erst ein dramatisches Rezitativ, das in einem heftigem Tonsprung gipfelt („o fatal sdegno!)“, absolviert! Und so breitete sie Wunder über Wunder aus mit ihrer Zauberstimme. Auch die Koloraturen waren makellos, beispielsweise im „Rachegesang“ im 2. Aufzug, der erst mit einer unfassbaren „Power“ gesungen wurde, um dann in Koloraturen und einem lange ausgehaltenen hohen C zu enden. Das alles so perfekt zu bewältigen, grenzt schon an ein Wunder!


Hinzu kommt aber noch ihre Fähigkeit, jedes einzelne Wort so zu artikulieren, dass es für den Zuhörer begreifbar wird, denn sie singt das alles nicht mal so eben runter, sondern hat die Rolle geistig und emotional durchdrungen. Aus diesem Grunde wird hier der Ausdruck „mühelos“ vermieden, denn er wäre völlig fehl am Platz. Diese Rolle ist harte Arbeit! Der Autor dieser Zeilen hatte in der Premiere die Gelegenheit, sie von der ersten Reihe aus zu beobachten, und es war wirklich faszinierend, sie so bei der „Arbeit“ beobachten zu können. Frau Netrebko verfügt über eine genau ausgeklügelte Atemtechnik; die Realisierung der langen Bögen, die die Partie beinhaltet, erfordert nichts weniger. Auf der Bühne fällt übrigens alles Divenhafte von ihr ab—dort ist sie völlig auf die Rolle fixiert und drängt sich auch bei den Ensembleszenen nie ungebührlich in den Vordergrund (was für sie ein Leichtes wäre). Lediglich die Tuttistelle im Finale des 2. Aktes („S’appressan gl’instanti…“; ein vertrackter Kanon) musste Sie vom Blatt singen. Vermutlich reichte hier die Probenzeit nicht ganz aus. Željko Lučić war ein ebenbürtiger Partner, der mit seiner herrlichen Baritonstimme wundervolle Glanzlichter setzte. In dem Duett im 3. Aufzug mit Anna Netrebko gingen beide wirklich an ihre Grenzen! So hat man das in der Rhein-Main-Region noch nie gehört und wird es wohl auch nie wieder so zu hören bekommen!

Die Aufführung war als konzertante Aufführung angekündigt, könnte aber genauso gut als halbszenische Aufführung durchgehen, denn die Sänger verkörperten ihre Rollen auch schauspielerisch vorbildlich—allen voran natürlich Anna Netrebko und Željko Lučić. Vermutlich sollte man froh sein, dass es keine Inszenierung gab, denn so konnte man sich an einer sich ganz homogen aus dem Kunstwerk heraus erwachsenen Darstellungskunst erfreuen, die ungetrübt von jedweden Phantasmagorien eines Regietheaters war. Orchester und Chor waren an diesen beiden Abenden in hervorragender Festspielform, die sicherlich das Ergebnis langer, harter Arbeit unter dem fabelhaften Dirigenten Michael Güttler war.


Zum Schluss noch einmal der Dank an Uwe Eric Laufenberg. Er hat diesen Abend ermöglicht und mit guten Gründen gegen alle Widerstände an Anna Netrebko festgehalten. Dies ist keineswegs selbstverständlich in einer Zeit, die oftmals den einfachen, bequemen Wahrheiten nachhechelt (wie viele hessische Kommunalpolitiker, die ich hier aus Gründen der Pietät nicht zitiert habe). Wiesbaden hat diesem Theatermacher viel zu verdanken (auch glänzende Inszenierungen). Die nächste Spielzeit wird seine letzte als Intendant in Wiesbaden sein; man hat ihn wohl rausgeekelt. Es steht zu befürchten, dass auch die Zukunft des Wiesbadener Staatstheaters woke und divers sein wird, wie mittlerweile an so vielen anderen Bühnen. Nur, wenn alles überall divers ist, dann ist alles überall im Grunde furchtbar eintönig und öde. Für wenige Tage aber war Wiesbaden nun der Nabel der Opernwelt!


Dieser Artikel wurde am 15.5.2023 auf der Netzseite von "The European" veröffentlicht. (link)

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