Von Studierenden und Doppeldenkenden

In einer Umfrage von Infratest Dimap vom Mai sprechen sich 65% der Deutschen gegen die Verwendung der sogenannten „gendergerechten Sprache“ aus, und dies, obwohl bereits die Fragestellung der Umfrage tendenziös in Richtung dieser Sprachdoktrin ausgerichtet war. Wer spricht sich schon gerne gegen Gerechtigkeit aus, noch dazu gegen Gendergerechtigkeit? Trotzdem drückt die woke Community dieses verfehlte Sprachexperiment mit einer nicht nachlassenden Entschlossenheit in die Medien-, Universitäts- und Kulturbereiche. Auch Unternehmen springen mehr und mehr auf den Genderzug auf. Wissen Sie, was sie da tun?


Schon oft ist in diesem Zusammenhang die Beschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten in der deutschen Sprache, die mit diesen rabiaten Eingriffen (Genderstern, aufgeblähte Partizipialkonstruktionen) einhergehen, thematisiert worden. Es steht zu vermuten, dass sich die allermeisten der Befürworter überhaupt nicht bewusst sind, welche weitreichenden und nur bedingt absehbaren Konsequenzen mit ihnen verbunden sind. Hier soll ein Beispiel skizziert werden, das dem Autor dieser Zeilen erst kürzlich bewusst wurde, als ihn eine Universitätsdozentin, deren Kursus er besucht, sich danach erkundigte, was er denn beruflich mache. Da ich im Zuge einer beruflichen Neuorientierung derzeit einige Vorlesungen an der Universität besuche ohne allerdings einen weiteren Studienabschluss anzustreben, wollte ich diese Form der Weiterbildung mit einem allgemeinen Begriff zum Ausdruck bringen, einem Begriff der den Zweck gewissermaßen offenlässt. Folglich bezeichnete ich mich als einen „Studierenden“. Denn ein Partizipialausdruck ist besonders gut geeignet, um in der deutschen Sprache das Unbestimmte, das bedingt Zielgerichtete, was auch meinen derzeitigen Studien zugrunde liegt, auszudrücken. So ist ja auch ein Suchender jemand, der eher noch nicht genau weiß, wonach er eigentlich sucht, und ein sich nach vorne Tastender jemanden, der sich seines Weges noch keineswegs sicher ist. Ein Studierender ist jedenfalls kein Student (oder eine Studentin), denn mit dem Begriff Student assoziiert man jemanden, der ein mehr oder weniger klares Studienziel verfolgt, also einen Studenten der Mathematik, der Philosophie usw. Es ergäbe keinerlei Sinn von einem Studierenden der Mathematik oder der Philosophie zu sprechen—eigentlich!


In dem Moment als ich diesen Begriff aussprach, wurde mir auch schon bewusst, dass die Verfechter der sog. gendergerechten Sprache es de facto bereits geschafft haben (zumindest in den Universitäten), den Begriff Student durch den Partizipialausdruck Studierender zu ersetzen, sodass die beiden oben skizzierten unterschiedlichen Bedeutungen unter einen Begriff subsumiert werden. Folglich ergab sich die absurde Notwendigkeit, den Begriff „Studierender“ mit weiteren Erklärungen zu erläutern, um Missverständnisse bzgl. meines Status zu vermeiden.

Ist es es wert, solch einen Verlust an Nuancierungsmöglichkeiten in einer Kultursprache, die sich über Jahrhunderte von Jahren organisch geformt hat, in Kauf zu nehmen, nur um einen Kampf für vermeintliche „Gendergerechtigkeit“ zu führen? Wohl kaum, denn das etablierte generische Maskulinum (mit dem man in der deutschen Sprache Gruppen bestehend aus allen biologischen Geschlechtern umfasst), ist nicht so schlecht, wie es seine Kritiker glauben machen wollen. Zugegeben, in bestimmten Kontexten kann es stärker mit dem männlichen Geschlecht assoziiert werden, etwa wenn man die Frage stellt: „Wer ist dein Lieblingsschauspieler?“ Spricht man jedoch von den Schauspielern in einem Theater oder den Musikern eines Orchesters, dann ist es doch wohl mittlerweile gänzlich unstreitig, dass damit auch gleichermaßen alle Geschlechter gemeint sind. In einem solchen Kontext bewirkt die nervige Ergänzung „*innen“ nur das Gegenteil von dem Intendierten. Denn werden die Frauen nicht durch dieses Anheften der femininen Form gerade in den Bereichen, in denen sie sich schon lange etabliert haben—etwa in den künstlerischen Berufen—quasi wieder zu Außenseitern gestempelt? Wurde etwa jemals eine junge Frau davon abgehalten, Kunstgeschichte zu studieren, nur weil man die Vertreter dieses Faches generisch als Kunsthistoriker bezeichnet hat?


Big Brother und der Indianerhäuptling


Die künstliche bzw. widersinnige Verwendung von Partizipialausdrücken ergibt übrigens eine interessante Parallele zur Orwellschen Newspeak und dem damit einhergehenden Doublethink. Bei dieser Sprachform aus dem Roman Nineteen Eighty-Four, mit der die (fiktive) englische sozialistische Partei (Ingsoc) das alte Englisch weitgehend abschaffen wollte, wurde die Formenlehre radikal geändert und der Wortschatz drastisch verkleinert. Begriffe wie bad, splendid werden bspw. alle auf den Grundbegriff good zurückgeführt: bad wird zu ungood, splendid zu doubleplusgood etc. —Das Ziel dieser Unternehmung besteht letztendlich darin, bereits im Ansatz Gedankenverbrechen (thoughtcrime—ein weiterer Begriff der Newspeak) unmöglich zu machen, da irgendwann gar nicht mehr genügend Worte zur Verfügung stünden, um solche „Verbrechen“ zu artikulieren. Wäre es etwa gänzlich abwegig, der Gendersprech- bzw. der eng verbundenen Wokeness-Bewegung, ein ähnliches Motiv zu unterstellen? Denn irgendwann werden vielleicht auch im Zuge der betriebenen Sprachverarmung keine Ausdrücke mehr übrigbleiben, um eine Gender- oder sonstige Diskriminierung auch nur zu denken.

Dann bliebe nur noch die Möglichkeit des politisch korrekten goodthink (auch Newspeak), mit dem im Roman die orthodoxe Denkweise auf der Linie von Ingsoc bezeichnet wird. Man führe sich einmal vor Augen, mit welcher Radikalität, weite Sprachbereiche in der deutschen Sprache von Begriffen in einer vergleichbaren Weise gesäubert werden sollen: Mohrenstraße, Indianer, Zigeuner usw.!


Eng verbunden mit dem Programm der Retortensprache Newspeak, ist das sogenannte Doublethink (Doppeldenk), das die Fähigkeit bezeichnet, zwei sich widersprechende Ansichten in natürlicher Weise gleichzeitig zu akzeptieren, wodurch die Bewohner von Oceana befähigt sind, problemlos Ansichten von Ingsoc zu übernehmen, die das genaue Gegenteil dessen sind, was zuvor für gültig erachtet wurde. Zum genauen Verständnis dieser schwammigen, Logik ausschließenden Denkweise ist allerdings laut dem Roman bereits Doppeldenk erforderlich. Wenn die bekannten Talking Heads in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen ihr Gender-Kauderwelsch zum Besten geben, überkommt einen dabei nicht das Gefühl, dass sie eigentlich genau wissen, dass dieses gezierte Gerede von „Künstler (Pause) Innen“ und „Politiker (Pause) Innen“ nichts anderes als lästiger Unfug ist? Wie wäre es sonst auch zu erklären, dass diese Moderatoren und Reporter ihren Gender-Rap zumeist nicht lange durchhalten können. Zum Ende Ihrer Ansagen und Reportagen fallen sie nämlich in der Regel wieder auf die natürlichen Begriffe aus der Oldspeak zurück. Übrigens basieren wohl auch die Versuche, etablierte Begriffe aus dem politisch akzeptablen Vokabular zu streichen, in der Regel auf dem Doublethink-Prinzip, da es für deren Canceling zumeist keine hinreichenden logischen Gründe gibt. Zur Beurteilung des Begriffs Indianer ist beispielsweise eine Konsultation der Webpage des National Congress of American Indians hilfreich. Dort heißt es: „The National Congress of American Indians, founded in 1944, is the oldest, largest and most representative American Indian and Alaska Native organization(…).“ Sie bezeichnen sich also selbst als Indians, während die Grünen den Bürgern dieses Landes einbläuen wollen, dass dieser Begriff die Ureinwohner der USA diskriminiere! Wie sind sie etwa über ihre Berliner Bürgermeister-Kandidatin Bettina Jarasch hergefallen, als diese sich in ihrer Bewerbungsrede unterstanden hatte, den Begriff Indianerhäuptling zu verwenden! Ein Gemetzel wider besseres Wissen, das vom Doublethink gespeist wurde, war die Folge! Die entsprechende Passage, in der es lediglich um Kindheitserinnerungen ging, wurde übrigens später sogar aus dem im Internet veröffentlichten Video der Rede herausgeschnitten. Noch eine Parallele zur dystopischen Welt in Nineteen Eighty-Four! Der Protagonist dieses Romans, Winston Smith, arbeitet nämlich im Archiv des Ministry of Love (in Newspeak: Miniluv), in dem alle historischen Dokumente gegendert…—pardon: geändert werden, um sie konform zur jeweils herrschenden Parteidoktrin zu machen.

Gelegentlich sieht sich der Schreiber dieses dem Vorwurf ausgesetzt, mit dem Vergleich zwischen links-grün gefärbter Political correctness und den Kontrollmechanismen in Nineteen Eighty-Four zu übertreiben (auch wenn er keinesfalls der Einzige sei, der diesen Vergleich ziehe). Auf diesen Rüffel reagiert er stets äußerst gelassen, indem er beteuert, dass er den Begriff BürgerInnenmeisterInnenkandidatInnen wirklich tripleultraplusplusgood findet!