Kathedrale für die Sinne

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie an einer bestimmten Formulierung hängenbleiben und endlos darüber nachsinnen? Mir geschieht dies recht häufig, und keineswegs drücken die auslösenden Sentenzen immer die tiefsinnigsten Gedanken aus. So geschah es mir kürzlich, dass ich in einer U-Bahn-Station lange vor einem Filmplakat verharrte. Angekündigt wurde der neue Film von Terrence Malick, „Ein verborgenes Leben“ und auf dem Plakat abgebildet waren die beiden Hauptdarsteller August Diehl und Valerie Pachner in einer merkwürdig gestellten, unbequem anmutenden Pose. Im Gras liegend küsste er sie unter einigen Verrenkungen umständlich auf die Stirn…

Aber es war nicht diese Pose, die mich lange vor dem Plakat verharren lies, obschon sie mir sonderbar vorkam. Vielmehr war es das Zitat aus der Zeitschrift „Variety“, welches als Werbeslogan auf dem Plakat abgebildet war: „Dieser Film ist eine Kathedrale für die Sinne.“ Kathedrale! Wahrlich ein großes Wort—und mit wie vielen Assoziationen verbunden! Nicht jeder dürfte es verwenden. „Variety“ klingt hinreichend groß, mondän, angelsächsisch; da mag es angehen. Die Zeitschriften Cosmopolitan und New Yorker könnten es auch bringen. Doch sicher wäre es für die Neue Osnabrücker Zeitung oder etwa die Rheinische Post viel zu groß. Auch für diesen bescheidenen Blog wäre ein derartiger Ausdruck unangemessen. Zum Feuilleton der FAZ würde er hingegen wieder passen.

AFD-Politiker oder Publikationen, die der Partei nahestehen, sollten auch lieber Abstand nehmen. Denn eine Kathedrale ist ja nichts anderes als ein Dom. Für die links orientierten Journalisten (also die meisten) wäre es ein Klacks von hier zur Kathedrale des Lichts und damit zum Lichtdom von Albert Speer zu gelangen, den er für die Nürnberger Parteitage schuf—mit allen Implikationen der Empörungsmaschinerie. Schon hätte man wieder einen kleinen Skandal kreiert. Aber auch die katholische Kirche sollte eher die Finger von solchen Formulierungen lassen. In Zeiten der Aufarbeitung von unzähligen Missbrauchsfällen könnte es nämlich als provozierend empfunden werden.

Dies alles trifft auf „Variety“ glücklicherweise nicht zu. Allerdings stieß ich mich trotzdem an dem Begriff „Kathedrale“. Der Name leitet sich aus dem altgriechischen Begriff Cathedra ab, der (Bischofs-)Sitz bedeutet. Es handelt sich also im Wesentlichen um eine christliche Institution. Ist aber dies in Zeiten, wo man den Universitätsinstituten verbietet, Weihnachtsfeiern abzuhalten, nicht eine allzu ausgrenzende Bezeichnung? Was ist mit den Menschen jüdischen oder islamischen Glaubens, Hindus, den Konfuzianern —von Atheisten einmal ganz zu schweigen? Soll denen etwa zugemutet werden, fast drei Stunden (so lange dauert dieser Film) einer Kathedrale der Sinne ausgesetzt zu sein anstatt einer Moschee, Synagoge oder (im Falle der Atheisten) einem Nichts der Sinne? Hier hätte man vom Filmverlag etwas mehr Fingerspitzengefühl erwarten können! Was kommt wohl als nächstes? Etwa der Slogan „Ein Film wie ein saftiges Schweinenackensteak“!!?

Aber vergessen wir mal für einen Moment die Political Correctness —auch wenn es schwer fällt— und machen wir uns bewusst, dass eine Kathedrale in der Regel ein ziemlich großes, imposantes Gotteshaus ist. Zwar gibt es durchaus auch kleinere Kathedralen, doch bilden sie eher die Ausnahme. Und so denken wir bei diesem Begriff doch instinktiv an Kirchenhäuser wie jene in Köln, Straßburg, Canterbury, York etc. Aber ist dies nicht etwas zu hoch gegriffen? Ginge es nicht auch eine oder zwei Nummern kleiner? So ein kleiner Blogschreiber wie ich ist ja beispielsweise darauf angewiesen, stellare Formulierungen, wie die in Betracht stehende, auf seine bescheidenen Verhältnisse herabzustufen. Was Jupiter gestattet ist, ist schließlich dem Ochsen noch lange nicht gestattet! Könnte man auch einfach von einer „Kirche für die Sinne“ sprechen, etwa in einem Fall, wenn zwar die Sinne angesprochen werden, vielleicht aber nicht in einer so umfassenden Weise, wie sie dem Film von Mallick unterstellt wurde. Falls die Sinne nur sehr geringfügig angesprochen werden (etwa in einem Til-Schweiger-Film), wäre da der Ausdruck „Kapelle für die Sinne“ möglich? „Wegekapelle für die Sinne“ für einen Vorfilm? „Autobahnkirche für die Sinne“ für ein Road Movie? „Bahnhofkirche für die Sinne“ für ein Reiseepos? „Parochialkirche für die Sinne“ für einen Heimatfilm?

All diese nutzlosen Gedanken kamen mir schlagartig in den Sinn beim Betrachten des Plakates und so beschloss ich, dem Geheimnis der „Kathedrale für die Sinne“ auf den Grund zu gehen und mir diesen Film anzuschauen… (Siehe den Blogeintrag „Ein verborgenes Leben“)

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