Großartige Polonaise für Polarbären

Das Eröffnungskonzert der Rheingau-Musikfestspiele


Langsam erwacht das kulturelle Leben im Rhein-Main-Gebiet wieder nach der langen Periode der totalen Corona-Lockdown-Ödnis. Im musikalischen Bereich läuft vieles allerdings noch im allzu kargen Notbetrieb—unverständlicherweise, denn andere Städte haben es längst vorgemacht, wie man auch in Pandemiezeiten unter nicht zu restriktiven Rahmenbedingungen produzieren kann ohne dabei zu Brennpunkten der Pandemie zu werden; etwa in Wien und Berlin, wo jüngst in der Deutschen Oper das Rheingold gegeben wurde. Autor dieses hatte schon im März über eine Aufführung des Siegfried im Madrid berichtet, die mit vollem Orchester und mit Pausen stattfand. Nun, die Welt ist dort nicht zusammengebrochen und viele andere Vorstellungen sind seitdem dort problemlos über die Bühne gegangen. Im Juli finden dort übrigens noch Vorstellungen von Tosca statt, für die sogar noch Karten verfügbar sind!

Im Rhein-Main-Gebiet-Gebiet wird leider überwiegend musikalische Diätkost geboten: in Frankfurt eine konzertante Ariadne auf Naxos sowie ein gekürzter Figaro jeweils ohne Pausen, in Wiesbaden einen Ring des Nibelungen mit Klavierbegleitung! Sinnbilder des hysterisch-inkompetenten, oftmals leere Symbolik verkörpernden Corona-Krisenmanagements in dieser Republik! Überflüssig hinzuzufügen, dass der geschätzte Leser auf dieser Seite vergeblich nach Besprechungen solcher Vorführungen suchen wird.

Umso erfreulicher ist es, vom Start des Rheingau-Musikfestivals zu berichten, auch wenn die Begleitumstände des Eröffnungskonzerts nicht frei von der in der BRD so verbreiteten Corona-Hektik waren. Denn vor das Konzert hatte die Gesundheitsbehörde einige Hürden gesetzt. So musste der Besucher, sofern er nicht geimpft oder von Corona genesen ist, nicht nur einen aktuellen negativen Schnelltest vorweisen, sondern sich auch (zusätzlich zur Registrierung beim Erwerb der Karten) auf der Webseite registrieren. Ist er dann mit allen diesen Bescheinigungen ausgerüstet —empfohlen wird zudem ein Ausdruck der getätigten Überweisung für die Karten—dann wird er noch gebeten, sehr frühzeitig am Veranstaltungsort zu erscheinen, da alle Bescheinigungen schließlich auch noch geprüft werden müssen.

Durstig sein sollte er dabei aber nicht, denn einen Getränkestand suchte er vergeblich. Im Konzertsaal bestand durchgehend Maskenpflicht. Auch in diesem Punkt ist man andernorts schon weiter. Sowohl in der Philharmonie als auch in der Deutschen Oper in Berlin besteht kein Zwang mehr am Platz die Maske anzulegen. Dort hat man auch ein System zur Platzvergabe erstellt, mit dem vermieden wird, wildfremde Menschen, die Einzelkarten erworben haben, direkt nebeneinander zu platzieren, wie es im Kloster Eberbach geschehen ist…


Aber nun zum Konzert, das für alle diese Unbilden überreich entschädigte. Zu erleben war das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks und der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada mit einem Konzert, in dessen Mittelpunkt das Violinkonzert von Sibelius stand. Gerahmt wurde dieser Risalit von zwei schmächtigeren Flügeln, die aus Werken von Mendelssohn—der Hebriden-Ouvertüre und der 5. Sinfonie– bestanden, was eine recht unkonventionelle Programmzusammenstellung ergab. Abgesehen von seinen frühen Werken, die noch stark in der Tschaikowski-Sphäre verankert sind, ist das Werk von Sibelius ein Solitär in der Musikliteratur. Es ist nicht leicht, seine Werke mit anderen sinnreich zu kombinieren, aber eine Rahmung mit Werken von Mendelssohn ist etwas befremdlich, steht die eigentlich doch immer noch fast klassische Tonsprache Mendelssohns doch in so gar keiner greifbaren Verbindung zu der von Sibelius, sieht man einmal von der Kadenz im ersten Satz des Violinkonzerts vor der Reprise ab, die etwas an die im Mendelssohnschen Violinkonzert erinnert. Befremdlich war es insbesondere nach dem Violinkonzert wieder zu Mendelssohn zurückzukehren, zumal das Konzert ohne Pause gespielt wurde. Ein Vorziehen der Sinfonie wäre sinnvoller gewesen.


Solist des Konzerts war deutsch-amerikanische Geiger Augustin Hadelich, der dieses Konzert zu einem wahrlich großen Ereignis werden ließ. Dieses Violinkonzert sollte nicht zu sehr von den Klangfarben her bestimmt sein. Dominierend ist der dunkle, erdige Ton, der gleich zu Beginn über einem Tremolo der Streicher wie aus dem nichts auftaucht (Rezensenten fabulieren hier gewöhnlich von der finnischen Taiga oder Tundra und dem Nordlicht). Dann beginnt für die Violine ein langer Kampf von kaum jemals nachlassender Intensität, in dem sie sich gegen das Orchester behaupten muss. Vor allem die Bläser umringen sie immer wieder wie in einem unentrinnbaren Alptraum. Der Violinist muss mit Bogendruck und Vibrato dagegenhalten und dafür benötigt er das richtige Instrument! Und wie er sich behauptet hat! Hadelich wechselte vor einigen Jahren von einer Stradivari zu einer Guarneri, die ehemals von Henrik Szeryng gespielt wurde, und zur Gestaltung des tiefen, sonoren Klanges des Sibelius-Konzerts scheint eine Guarneri das ideale Instrument zu sein. Interessanterweise empfand dies auch der Geiger Frank-Peter Zimmermann so, als er eine Zeitlang infolge eines Besitzerwechsels auf seine Stradivari verzichten musste und „nur“ eine Guarneri zur Hand war. (Später ist er dann doch wieder auf die Stradivari zurückgewechselt, da ihm die Guarneri als unpassend für subtilere Musik wie die von Mozart erschien.)

Auch der langsame Satz stellt höchste Anforderungen an den Geiger. Es beginnt wie ein Kammermusikstück von Bläsern, in das sich die Geige allmählich einfindet. Sie hat es hier mit einem kleinen Ensemble von Bläsern zu tun, die allesamt auf einer ähnlichen Tonhöhe spielen! Der sehr langsame Mittelteil dieses Satzes ist rhythmisch vertrackt. Auch hier spielen die Bläser dann irgendwie wieder gegen den Solisten—natürlich nur scheinbar, denn auch dies wurde sowohl vom Geiger als auch vom Orchester glänzend bewältigt! Überhaupt muss das sensible Zusammenspiel hervorgeheben werden. Phrasen entstanden wie aus dem nichts, wuchsen und wurden dann wieder harmonisch ins nichts zurückgeführt. All dies war hervorragend geprobt und abgestimmt! Auch das ein wenig an Wagner erinnernde große Crescendo war fabelhaft ausbalanciert!


Im letzten Satz, laut Donald Tovey eine „Polonaise für Polarbären“, der — wie bei Violinkonzerten üblich—von der musikalischen Substanz her nicht ganz auf der gleichen Höhe steht wie die ersten beiden, kann der Geiger zeigen, dass das große Einmaleins des virtuosen Violinspiels beherrscht, denn da muss er ein wahrhaftes Feuerwerk an Doppelgriffen, Saitenkreuzungen etc. abspulen. Hadelich zeigte auch hier, dass technische Kategorien für ihn überhaupt kein Kriterium mehr sind. Schade, dass Andrés Orozco-Estrada seine Position in Frankfurt aufgegeben hat, und in der nächsten Saison eine Position in Wien übernimmt. Auch wenn sie hier nicht im Detail besprochen werden, sei hervorgehoben, dass die Stücke von Mendelssohn sehr ansprechend gestaltet waren und der Dirigent auch im Violinkonzert kluge Akzente gesetzt hat. Erstaunlicherweise war die Hallenakustik eher ein Problem für die beiden Stücke von Mendelssohn als für den Sibelius. Ein großer Abend mit einem fabelhaft disponierten Orchester und einem Geiger, der das Sibelius-Konzert wahrlich durchdrungen hat!


Am 3.7. um 20.15 Uhr Übertragung auf 3SAT, am 11.7. um 7.55 Uhr auf hr-Fernsehen