Così fan tutte

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch ich gehöre eigentlich zu denjenigen, die es nicht mehr ertragen, Sendungen zu politischen Themen im öffentlichen Rundfunk anzuschauen, der von vielen Kritikern mittlerweile als „Staatsfunk“ verunglimpft wird. Zu sehr werden in ARD, ZDF usw. elementarste journalistische Prinzipien missachtet, um bedingungslos einem linksorientierten Zeitgeist zu folgen. Allerdings habe ich diese Verweigerungshaltung zuletzt nicht mehr mit der allerletzten Konsequenz betrieben, denn mir wurde irgendwann bewusst, dass ich die Fähigkeit entwickelt hatte, bestimmte Diskussionsverläufe in Talkshows oder den Inhalt von Kommentaren in Nachrichtensendungen vorherzusagen. Damit meine ich keineswegs nur die Sektionen, die gesondert als Kommentare ausgewiesen werden – etwa in den Tagesthemen –, sondern auch die Überleitungen zu einzelnen Beiträgen, denn die meisten Nachrichtensendungen sind ja mittlerweile zu einer einzigen Kommentarzone der Political correctness verkommen. Gelegentlich finde ich also Vergnügen darin, meine prophetischen Fähigkeiten zu testen.


Nehmen wir einmal als Beispiel die jüngste Katastrophe in Beirut, bei der große Mengen eines Düngemittels explodiert sind, einen Vorgang also, der eigentlich nur sehr begrenzt die Bundesrepublik betrifft. (Würde Libanon sich umgekehrt für ein entsprechendes Unglück etwa in Wilhelmshaven oder Oer-Erkenschwick interessieren?) Doch Vorgänge von Leid, die einen entsprechenden Verantwortungsnehmer und Kapitalgeber benötigen, lassen öffentlich-rechtliche Journalisten natürlich nicht spurlos an sich und an der Bundesrepublik vorbeiziehen. Dies war vorab klar, aber ich war gespannt, wie man es diesmal argumentativ hinbiegen würde. Die Tagesthemen (5.8.2020) boten als Kommentatorin eine gewisse Esther Saoub vom SWR auf, und sie wurde den vom linken Zeitgeist in sie gesetzten Erwartungen vollauf gerecht.


Schon die streng-vorwurfsvolle Miene mit der sie in die Kamera blickte, als sie ihren Kommentar mit den Worten „Pray for Lebanon“ in fast sakraler Weise begann, verdeutlichte: Lieber Zuschauer, wenn du glaubst, du kommst hier jetzt als Unbeteiligter, Schuldloser, der einfach nur fernsehen möchte, davon, dann hast du dich aber ganz schön in den Finger geschnitten. Und so hob sie schon mit einer gedanklichen Kadenz an, die geradezu lehrbuchhaft war. Sie kam gleich zur Sache: Dieses Ereignis sei keine Naturkatastrophe, es sei ebenso menschengemacht wie „die Bankenkrise oder die Massenarbeitslosigkeit“. Welch ein meisterhafter Einstieg entsprechend der (linken) Political Correctness! Geradezu en passent wurde ein Ereignis mit den Krisen des Kapitalismus verbunden. Und diese seien auch noch von Menschen (hier sollten beim deutschen Zuschauer die Alarmglocken anspringen) gemacht! Nach dem Hinweis auf die Korruption im Libanon folgte dann der nächste Schritt in der harmonischen Progression: Durch diesen „Knall“ sei auch die „Staatengemeinschaft“ aufgerüttelt worden. (Die Alarmglocken wurden lauter!). Dann wurde auf Iran und Saudi-Arabien verwiesen, die im Land „mitmischten“ sowie auf Israel, das sich „formal im Kriegszustand“ mit dem Libanon befände. Es blieb natürlich unklar, welche Relevanz das hier hatte, aber es steht zu vermuten, dass sich eine gewisse Anti-Israel-Spitze bei einem politisch korrekten Kommentar einfach gut macht. So hatte sie in einem sehr kurzen Zeitraum nicht nur den Kapitalismus, sondern auch noch Israel untergebracht! Chapeau! Aber dies war lediglich eine (wenn auch harmonisch etwas gewagte) Ouvertüre, auf die das eigentliche Hauptthema folgte: Wann hätten wir Deutschen uns zuletzt daran erinnert, dass sich im Libanon 1,5 Mio. syrische Flüchtlinge befänden? Ja, ja, wir Deutschen! Niederländer, Briten, Dänen, Portugiesen usw. waren mal wieder fein raus. Nach diesem doch recht unverblümten „Hallo-Wach-Ruf“ an die Nation der Schuldübernahmeweltmeister war natürlich klar, was dann kommen würde: der unvermeidliche Aufruf (klang es nicht eher wie eine Anweisung?), dass dieses Land (Libanon) mehr benötige als Gebete. Es war völlig klar, was das sein würde, und so endete der Kommentar.


Versuchen Sie es doch auch einmal, wenn Sie noch den öffentlichen Rundfunk schauen! Zugegebenermaßen ist es nicht sehr schwer, wenn man erst einmal etwas Übung hat, denn die Regeln der Political correctness sind mittlerweile recht strikt verankert, sodass man nur selten falsch prognostiziert. Der Spaß besteht für mich in der Aufschlüsselung der Argumentationskette (in diesem Fall: nicht menschengemacht—Saudi Arabien, Iran, Israel(!)—aber auch wir Deutschen, die sich mit ihren Flüchtlingsproblemen (überhaupt welche Probleme?) nicht so anstellen sollen— moralische Schuld— Knete!). Solch eine Aufschlüsselung ist oftmals ähnlich interessant wie eine Analyse der Harmonien in einer bedeutenden Komposition.


Sie benötigen noch weitere Beispiele? Gerne! Nehmen wir den Protest vom 1. August in Berlin gegen die Einschränkungen der Verfassungsrechte im Zuge der Corona-Maßnahmen. Hier war es natürlich auch von vornherein klar, dass die öffentlichen Sender diese Demonstration mit allen Mitteln diskreditieren und in die rechte Ecke platzieren würden. Aber für mich ist ja das Wie das Entscheidende. Glauben Sie es mir oder auch nicht! Ich hatte von vornherein die Vermutung, dass Dunja Hayali eine wichtige Rolle bei dieser Demontage spielen würde. Und tatsächlich mischte sie, die sich im Besitz moralischer Erleuchtung wähnt, sich unter die Demonstranten unter dem Vorwand mit ihnen einen inhaltlichen Diskurs zu führen. Tatsächlich bestand ihre Absicht aber lediglich darin, Material zu sammeln, um ihren vorgefertigten Standpunkt, dass es sich bei den Protestierenden nämlich um Verschwörungsgläubige, Rechtsextreme und Aluhutträger handelte, zu untermauern. Das verdeutlichen die längeren Videoclips, die etwa über die Webseite von Boris Reitschuster (einer der noch verbliebenen unabhängig denkenden Journalisten) verbreitet worden sind. In die breite Öffentlichkeit gelangte dann (Methode Hayali!, Methode ZDF!) aber lediglich ein kurzer Ausschnitt, der zeigte, wie Hayali von einzelnen Protestierenden beschimpft wurde („Lügenpresse“). Damit war der Tenor in den Mainstream-Medien und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgeprägt. („Dunja Hayali bei Corona-Demo bedroht.“) Niemand im öffentlichen Rundfunk beschäftigte sich mehr ernsthaft auf einer inhaltlichen Basis mit dem Anliegen der Protestanten. Wie die AFD wurde auch dieser Protestzug komplett in die rechte Ecke geschoben. Im Rahmen dieses Artikels soll nicht die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen diskutiert werden. Sicherlich ist es jedoch in einem Rechtstaat legitim, Zweifel an ihnen – man überlegt jetzt sogar, Kinder von ihren Eltern im Krankheitsfall zu separieren! — zum Ausdruck zu bringen, und es ist schlichtweg einfach unanständig, pauschal zehntausende Protestanten in dieser Form zu diskreditieren!


Kritisiert wurde in den Medien außerdem, dass die Demonstranten die Covid-Verhaltensregeln nicht hinreichend beachtet hätten; dies war ja auch der offizielle Grund für deren Auflösung durch die Polizei. Frau Esken von der SPD sprach sogar pauschal von „Covidioten“. Dass zuvor ähnliche Proteste der sogenannten Black-Lives-Matter-Bewegung trotz zahlreicher Verstöße gegen die Corona-Auflagen weitgehend begrüßt worden waren, spielte hier keine Rolle mehr. Und nur zwei Tage zuvor fand in Essen eine „Clan-Beerdigung“ statt, an der 750 Mitglieder teilnahmen. Die Politik zog es vor —überrascht Sie das? —, nicht einzugreifen (erlaubt waren nur 150 Teilnehmer). Später kam der Verfassungsschutzes übrigens zu der Überzeugung, dass die Demonstration vom 1. August keineswegs als von „Rechts“ dominiert anzusehen war (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/corona-demo-nur-einzelne-rechtsextreme-16894746.html), aber dies spielte dann schon keine Rolle mehr.

Nehmen wir als letztes Beispiel noch die Talkshows. Diese erinnern ja in ihrem starren Rollenkonzept eher an Aufführungen der Commedia dell‘arte oder der Opera buffa als an einen ernstzunehmenden Gesprächskreis. Zentraler Angelpunkt unter den eingeladenen Gästen ist in der Regel ein Gesinnungsleader aus dem extremen links-progressiven Lager, der den hehren (weltfremden) Moralapostel gibt (etwa Janine Wissler, Lamya Kaddor, Lars Klingbeil). Um sie herum sind dann eine Reihe von (im Vergleich zu diesem Leader) Gemäßigten gruppiert. Der linke Chaot hat eine zweifache Rolle. Zum einen prägt er ganz entscheidend die moralische Atmosphäre, in der sich die Gemäßigten aus dem linken Lager (samt Moderator(in)) entfalten können, aber zugleich so erscheinen, als würden sie tatsächlich (gemäßigte) Positionen der gesellschaftlichen Mitte vertreten. Dieser geniale Trick funktioniert übrigens, da es das extrem linke Lager geschafft hat, sich über die Hysterie mit dem von ihnen größtenteils selber geschaffenen Zerrbilds eines von Nazis überschwemmten Landes den Anstrich des moralisch hochstehenden, jedenfalls deutlich geringeren Übels zu geben.


Somit kommen wir zu einem weiteren Gast in einer typischen geselligen Fernsehrunde: jemand aus dem „rechten“ Spektrum. Früher — also noch vor 5 bis 10 Jahren — hätte man ihn einfach noch als konservativ bezeichnet; also jemand wie Jörg Meuthen, Alexander Gauland, Beatrix von Storch. Diese Person ist dann in etwa vergleichbar mit dem trotteligen Alten in der Opera Buffa; man denke an Don Pasquale oder den Dottore Bartolo aus dem Barbier von Sevilla. In der Regel wird diese Person zunächst einmal durch den „linken Chaoten“ (in der Opera buffa vergleichbar mit dem jugendlichen Liebhaber) in derber Weise beschimpft und moralisch in die unterste Ecke geschoben. Dabei wird vor keinem Pathos zurückgeschreckt, wobei man gerne mit Pronomina arbeitet, um die Aussagen möglichst unbestimmt zu halten: „Dass so etwas in unserem Land wieder möglich ist!“, „um dies zu verhindern, kämpfen wir jeden Tag.“) Darin besteht also die zweite Rolle des linken Chaoten. Der Chor – pardon das junge, idealistische Publikum – spendet dann in der Regel brav frenetischen Szenenapplaus. Als erfahrener Operngänger weiß man gleich, dass Dr. Bartolo von da an zu einer Puppe der Lächerlichkeit verkommt; alles was dieser Rechtsaußen in der Sendung noch zum besten geben wird, wird von den anderen wie die Aussagen eines geisteskranken Familienmitglieds aufgenommen. Es trägt lediglich zur Folie bei, vor der die gemäßigten Linken (mit dem Moderator) in einem engen Meinungskorridor parlieren. Dies ist quasi der ernsthafte Teil des Librettos. Die gelegentlichen Einschübe der beiden Extremfiguren werden dann recht bald nur noch mitleidig geduldet.


Häufig gibt es auch die Variante ohne Extremfigur auf der rechten Seite, dann nimmt man auch einen gemäßigten Konservativen (im Genre der Opera buffa würde man anstelle eines tiefen Basses einen leichteren Bassbariton wählen), wie etwa bei „Maischberger die Woche“ vom 5. August. Da verließ man sich auf die linke Einpeitscherin Düzen Tekkal in der Diskussion über die oben erwähnte Demonstration in Berlin. Einziger Zweck der Einleitungsrunde der Kommentatoren war die Verspottung der Demonstrationsteilnehmer vom 1. August. Das erledigte dann Frau Tekkal quasi im Alleingang in zu erwartender Weise: „Am Wochenende in Berlin hatten wir Zweiundzwanzigtausend, die sozusagen verfassungsfeindlich sind, die die Werte mit Füßen treten, die in Parallelstrukturen leben, die nicht integriert sind“. Sie sprach von „Corona-Leugnern“. Keine ihrer Aussagen ergab den geringsten Sinn oder wurde begründet. Verfassungsfeindlich?— weil sie das (noch bestehende) Demonstrationsrecht in Anspruch nehmen? Parallelstrukturen, gar nicht integriert?— weil sie Meinungen zum Ausdruck gebracht haben, die nicht dem Bild entsprechen, das die Mainstream-Medien vermitteln? Corona-Leugner—Weil sie gegen die Aussetzung von elementaren Grundrechten demonstrieren? Niemand in dem Gesprächskreis, der vom Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff und dem ehemaligen FAZ-Journalisten Rainer Hank komplettiert wurde, widersprach diesen unglaublichen herabsetzenden Behauptungen. Selbstredend auch nicht die Moderatorin. Dies hängt sicherlich mit der Frau Tekkal nach den ungeschriebenen Spielregeln der Political correctness zuzumessenden Wertigkeit zusammen, die sie weit über ihre Co-Kommentatoren (alte weiße Männer!) heraushob. In Analogie zum Pokerspiel könnte man sie —Frau, politisch links, Immigrationshintergrund — als Straight flush bezeichnen. Nur die heilige Dunja, auf die sich Frau Tekkal selbstredend ausgiebig berief, wäre gemäß diesen Regeln noch höher einzustufen (also als Royal flush), da sie sich noch zusätzlich als lesbisch geoutet hat. Einen zaghaften Einwand gab es dann überraschenderweise doch seitens des Bass-Baritons (Hank), der darauf hinwies, dass auch andere Demonstrationen das Abstandsverbot missachtet hätten, man solle die Kirche im Dorf lassen! Ein Satz, der wohl kaum im Libretto für diese Opera buffa stand. Mal sehen, ob Hank in dieser Rolle noch einmal besetzt wird…

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